Datum
08.11.2020 - 29.11.2020

Heute jährt sich zum 82. Mal die sogenannte Reichspogromnacht.

9. November 1938. Im Alten Rathaus in München hat sich am Abend fast die gesamte NS-Elite versammelt. Es ist der Beginn für eine Hetzjagd auf Jüd*innen in ganz Deutschland.

Noch in derselben Nacht brennen Synagogen, jüdische Geschäfte und Einrichtungen werden zerstört, Wohnungen jüdischer Mitbürger*innnen werden systematisch verwüstet. Die Novemberpogrome von 7.-13. November 1938 markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Jüd*innen ab 1933 hin zu ihrer systematischen Verfolgung und Vertreibung.

Selbst 75 Jahre nach Ende der faschistischen Nazi-Diktatur ist Antisemitismus in Deutschland leider immer noch ein großes Problem und wie aktuelle Zahlen belegen, wieder am Erstarken. Allein in Bayern und Berlin wurden 2019 über 1000 antisemitische Übergriffe gemeldet – die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, denn die Betroffenen scheuen sich Vorfälle zu melden.  Wir wollen mit der digitalen Gedenkveranstaltung ebenso darauf aufmerkam machen, dass Antisemitismus auch gegenwärtig in Deutschland immer noch der Grund für für Spaltung, Hass und unfassbare Greueltaten ist.

Wegen Covid-19 mussten wir leider unserer geplante Präsenzveranstaltung absagen. Dennoch wollen wir heute zumindest mit einer digitalen Veranstaltung an die jüdischen Opfer der Reichspogromnacht erinnern.

Wir haben hiefür zwei Formate umgesetzt.

Unser erstes Format ist eine Lesung eines Ausschnittes des Textes „Jüdische Schicksale aus Grafing“, welcher von Bernd Schäfer in dem Buch „Neues aus der Geschichte aus Grafing und Umgebung (I)“ im Jahr 2015 veröffentlich wurde.

Wir fokussieren uns dabei auf das Kapitel “Das Schicksal der Martha Pilliet”.

Nehmt euch 13 Minuten Zeit, um mehr über die Lebensgeschichte von Martha Pilliet zu erfahren und damit die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus lebendig zu halten.

Vielen Dank an Bernd Schäfer für die Einwilligung zur Nutzung des Textes und an Matthias Reinelt für die Verlesung des Schriftstücks.

 

Für unser zweites Format, haben wir uns entschieden, eine Auseinandersetzung mit dem Thema im Schulunterricht des Max Mannheimer Gymnasium anzuregen. Dank sehr engagierten und interessierten Lehrer*innen und Schüler*innen ist dies auch gelungen.

Hier seht ihr das Ergebnis dieser wundervollen Kooperation:

Im Rahmen der diesjährigen “Wochen der Toleranz” setzten sich die Schüler*innen der Klasse 10C des Max-Mannheimer-Gymnasiums Grafing mit verschiedenen Einzelschicksalen der Reichspogromnacht auseinander. Ziel war es dabei, klassische Unterrichtsnarrative aufzubrechen, um den Schüler*innen  so einen persönlicheren und nahbareren Zugang zu den Ereignissen um die Schreckensnacht vom 09. November zu ermöglichen. Die Auseinandersetzung mit Individuen zielt schlussendlich darauf ab, Nummern und Statistiken Namen zu geben. Das Erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus soll schließlich nicht zu einem sich wiederholendem Pflichtritual werden, sondern soll den Schüler*innen auf die Art auch persönliche Perspektiven und Schicksale aufzeigen.

Gearbeitet wurde primär mit den Gedächtnisblättern des „Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau“ wo durch hingebungsvolle Einzelarbeiten viele Kurzbiographien von KZ-Häftlingen verfasst worden sind.

Aufgabe der Klasse war es, sich in Gruppen mit den bereits ausgearbeiteten Gedächtnisblättern auseinanderzusetzen. Dafür sollten die Schüler*innen eigene Intentionen und Assoziationen über die Person sammeln und in einer bestimmten Form darstellen. Die Schwierigkeit lag dabei darin, eine Abstraktions- und Ausdrucksform zu finden, die die zentralen Elemente einer Persönlichkeit in einem Bild darstellen und der Person dennoch in ihrer Würde und Ganzheitlichkeit gerecht werden.
Entstanden sind so sechs unterschiedliche Wortwolken zu jüdischen Schicksalen, die die Reichspogromnacht auf tragische Weise verbindet.

 

Ludwig Kaumheimer wird am 01. Mai 1881 in München geboren. Nach Abschluss der Schullaufbahn promoviert er an der LMU als Mediziner und erhält 1906 direkt seine Approbation als Arzt. Als Stabsarzt nimmt er am Ersten Weltkrieg teil und verdient sich das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse, noch 1935 wird er sogar mit dem Ehrenkreuz für Frontkämpfer geehrt.  1938 wird ihm die Approbation entzogen, wie viele andere Münchner Jüd*innen wird er im Zuge der Reichspogromnacht verhaftet und ins KZ Dachau gebracht. Auch aufgrund seiner Verdienste für das Deutsche Reich und seiner Arbeit als Kinderarzt wird er im Dezember wieder entlassen und noch im Januar gelingt ihm die Emigration über London in die USA nach San Francisco. Dort verstirbt Ludwig Kaumheimer am 03. August 1963.

Ludwig Marx wurde am 2. August 1841 in Sandhausen bei Heidelberg geboren. Ludwigs große Leidenschaft ist die Sprache und die Literatur, so studiert er in Heidelberg Englisch und Französisch. Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg wird er Lehrer bei Mannheim und später Schuldirekt in St. Georgen im Schwarzwald. 1920 lernt er seine zukünftige Frau kennen, mit der ein Kind hat. 1933 schließlich wird er als Jude vom Dienst entlassen. Im Zuge der Reichspogromnacht wird Ludwig Marx am Morgen des 10. Novembers festgenommen und drei Wochen in Dachau inhaftiert. 1939 gelingen ihm und seiner Frau die Flucht nach England, nach dem Ende des Naziregimes 1952 kehrt Ludwig Marx schließlich nach Deutschland zurück, wo er 1964 verstirbt.

 

Erwin Schild wurde am 9. März 1920 in Mülheim bei Köln geboren. Nach seinem Abitur geht nach Würzburg, um dort sein Studium aufzunehmen. Am 12. November wird jüdische Student am verhaftet und muss einen Monat im Konzentrationslager Dachau verbringen. Ein Jahr später gelingt es ihm über die Niederlande nach Kanada zu fliehen. Nach zwei Jahren, die er u.a. in einem Flüchtlingslager verbringen muss, nimmt er das Studium in Toronto wieder auf, wo er auch seine zukünftige Frau kennenlernt. Die beiden heiraten und bekommen insgesamt zwei Kinder. Bis heute setzt sich der 100-jährige Rabbi für den deutsch-jüdischen Dialog ein.

 

Henry, geb. Heinz, Landman wird am 12. Juni 1920 in Augsburg geboren. Im Zuge der Reichspogromnacht wird der gerade 18-jährige Jude am Morgen des 10. Novembers verhaftet. Im März 1939 gelingt ihm die Flucht nach Großbritannien, von wo aus er schließlich in die USA nach New York, emigriert. Auch seiner Familie gelingt die Flucht vor dem Naziregime. Henry Landman gelingt es mit seiner Familie, sich in den USA ein neues Leben als Pelzhändler aufzubauen. Im April des Jahres 1945 kehrt er zu seinem Geburtsort Augsburg zurück, jedoch als US-Soldat. Er erfährt dort, dass ein Teil seiner Familie während des Holocaust in Ausschwitz ermordet worden war. Mit seiner ebenfalls in die USA emigrierten Frau hat er zwei Kinder. 2014 stirbt Henry Landman schließlich in New York.

Emil Oestreicher wurde am 18. Dezember 1873 in München geboren. Nach der Schule macht er eine Ausbildung als Küschnergehilfe und nimmt als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Im Zuge der Reichpogromnacht wird er vorübergehend im KZ Dachau inhaftiert. Nach seiner Freilassung muss er ab 1940 in Baracken- und Internierungslager leben. Vom Ghetto Theresienstadt wird er nach Treblinka deportiert, wo er schließlich 1942 ermordet wird.

 

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